Schwimmunterricht„Die Kinder waren in diesem Schuljahr kaum im Wasser“

Wegen der Corona-Pandemie konnte ein großer Teil des Schwimmunterrichts nicht stattfinden. Allein in Berlin können am Ende dieses Schuljahres Schätzungen zufolge mehr als 100.000 Schülerinnen und Schüler der ersten bis dritten Klassen nicht schwimmen. Schwimmvereine und Schulen wollen verstärkt Sommerkurse anbieten. Dennoch könnte es Jahre dauern, bis der Rückstand beim Schwimmenlernen aufgeholt ist.

Es ist das erste Mal seit Jahren, dass Udo Brennholt mit gemischten Gefühlen an die Sommerferien denkt. Der Schulleiter des Gymnasiums Essen Nord-Ost befürchtet, dass ein großer Teil seiner 120 Fünftklässler am Ende dieses Schuljahres nicht schwimmen kann. „Dabei haben wir uns auf die Fahne geschrieben, dass an unserer Schule jedes Kind schwimmen lernt“, sagt er. Nun habe die Corona-Pandemie dazu geführt, dass dieses Ziel zum ersten Mal seit Jahren nicht erreicht werden kann. Sowohl die obligatorische Nichtschwimmer-AG als auch der Schwimmunterricht mussten ausfallen, so Brennholt.

Schwimmkurse in den Sommerferien

Die Schule plant nun Schwimmkurse für die Ferienzeit, um wenigstens hier etwas aufzuholen. Die Kurse sollen in Kooperation mit dem Polizeisportverein durchgeführt werden, mit dem das Gymnasium seit Jahren eng zusammenarbeitet. Brennholt hofft, dass viele Kinder das Angebot annehmen. „Die Sommerkurse können allerdings nur stattfinden, wenn die Schwimmbäder wieder geöffnet sind“, sagt er.

Von einer „gewaltigen Aufholjagd“ spricht auch Guido Kersten, Präsident der Berliner Wasserratten 1889 e. V. Er rechnet damit, dass in Berlin am Ende dieses Schuljahres mehr als 100.000 Schülerinnen und Schüler der ersten bis dritten Klassen nicht schwimmen können. „Bislang waren das meist nur vier bis sechs Kinder pro Klasse“, sagt er. Die Pandemie habe das Verhältnis umgekehrt. „Jetzt sind es vier bis sechs Kinder pro Klasse, die schwimmen können.“ Durch den Kontakt zu vielen Vereinen weiß Kersten, dass es auch in den anderen Bundesländern nicht besser aussieht.

Wir müssen pro Halbjahr doppelt so vielen Kindern das Schwimmen beibringen, wenn wir nicht hinnehmen wollen, dass auf Dauer viele Kinder nicht schwimmen können.

Guido Kersten, Präsident der Berliner Wasserratten 1889 e. V.

Fünf Jahre, um den Rückstand beim Schwimmenlernen aufzuholen

Kersten geht davon aus, dass es mindestens fünf Jahre dauern wird, den Rückstand aufzuholen. Für die Berliner Wasserratten formuliert er ein ehrgeiziges Ziel: „Wir müssen pro Halbjahr doppelt so vielen Kindern das Schwimmen beibringen, wenn wir nicht hinnehmen wollen, dass auf Dauer viele Kinder nicht schwimmen können.“ Vor der Corona-Pandemie hätten die 58 ehrenamtlichen und 3 hauptamtlichen Trainer seines Vereins pro Halbjahr 850 Kinder das Schwimmen gelehrt. Nun müssten es deutlich mehr werden. Laut Kersten haben alle 81 Schwimmvereine, die im Berliner Schwimmverband organisiert sind, für die Sommerferien zusätzliche Schwimmkurse geplant.

Schon vor Corona war das Schwimmenlernenein großes Thema. Der Essener Schulleiter Udo Brennholt berichtet, dass erfahrungsgemäß etwa 70 Prozent der Kinder nicht schwimmen können, wenn sie in der fünften Klasse an seinem Gymnasium aufgenommen werden. „Seit zehn Jahren bieten wir deshalb im ersten Halbjahr der fünften Klasse eine verpflichtende Nichtschwimmer-AG an“, so der Schulleiter. Im zweiten Halbjahr der Fünften sowie in der sechsten Klasse hätten dann alle Schülerinnen und Schüler Schwimmunterricht: „Die Note dafür fließt in die Sportzensur ein.“ In der achten Klasse werde nochmals Schwimmen angeboten, damit am Ende wirklich jeder und jede gut schwimmen können.

Schwimmunterricht in halben Klassenstärken

In Berlin wird für die Schülerinnen und Schüler der dritten Klassen seit Mitte März wieder Schwimmunterricht angeboten. Die Hallen haben extra dafür wieder geöffnet, sagt Meike Lambertz. Die 29-Jährige ist Trainerin und Übungsleiterin beim Berliner Schwimmverband und momentan im Wedding für den Schwimmunterricht der Drittklässler zuständig. „Die Kinder sind wegen der beiden Lockdowns in diesem Schuljahr kaum im Wasser gewesen“, sagt sie und geht davon aus, dass nur wenige von ihnen bis zu den Sommerferien sicher schwimmen lernen werden.

„Hinzu kommt, dass etliche Grundschulen momentan gar nicht in der Lage sind, den Schwimmunterricht durchzuführen“, sagt Lambertz. Die Organisation stelle einen großen logistischen Aufwand dar. Erlaubt seien nur halbe Klassenstärken. Die Kinder müssten trotzdem von zwei Lehrerinnen oder Erzieherinnen begleitet werden. Manche Schulen könnten diesen personellen Aufwand gar nicht leisten.

Auch Schulleiter Udo Brennholt sagt, dass in Essen die Schwimmbäder für den Schulsport seit Kurzem zwar wieder geöffnet seien, sein Gymnasium aber trotzdem noch keinen Schwimmunterricht anbieten könne. „Unsere Schülerinnen und Schüler können die nächstgelegene Schwimmhalle nur mit dem Bus erreichen. Dann geht noch einmal viel Zeit verloren, weil immer nur fünf Kinder in die Umkleide dürfen.“ Der unmittelbare Schwimmunterricht komme also viel zu kurz. „Aufwand und Nutzen stehen momentan in keinem Verhältnis“, so Brennholt. Bleibt also nur der Versuch, durch mögliche Sommerkurse etwas aufzuholen.

Schwimmtrainerin Meike Lambertz in Berlin rechnet damit, dass es lange dauern wird, bis wieder deutlich mehr Kinder schwimmen lernen werden. „Schon vor Corona gab es Wartelisten von bis zu zwei Jahren bei den Vereinen, wenn Eltern ihre Kinder zum Schwimmenlernen anmelden wollten“, sagt sie. Nun würden die Wartelisten noch deutlich länger werden.

Berliner Sportvereine verlieren knapp fünf Prozent ihrer Mitglieder

Überall in Deutschland könnte ein weiteres Problem die Lage noch verschärfen. Viele Sportvereine haben während der Corona-Pandemie Mitglieder verloren. Manche befürchten, sich bald nicht mehr finanzieren zu können. In Berlin etwa hat der organisierte Sport im ersten Jahr der Corona-Pandemie 33.117 Mitglieder verloren. Zum 1. Januar 2021 sind laut der Statistik des Landessportbunds Berlin (LSB) in Berlin 662.076 Menschen in den Berliner Sportvereinen organisiert – ein Jahr zuvor waren es noch 695.193 Menschen. Das bedeutet einen Rückgang von 4,76 Prozent.

Die größten Rückgänge verzeichnet der Sport bei Verbänden mit Sportarten, die im Innenbereich stattfinden, und bei den Kontaktsportarten. Der Präsident der Berliner Wasserratten ist trotzdem optimistisch. „Schwimmen ist und bleibt gefragt“, sagt Guido Kersten. Sobald wieder mehr möglich sei, würden die Schwimmvereine einen deutlichen Zulauf haben. „Viele Eltern werden ihre Kinder in den Vereinen anmelden, damit sie dort schwimmen lernen“, sagt er und hofft, dass etliche auch dann Mitglieder bleiben, wenn dieses Ziel erreicht ist.

Quelle: https://deutsches-schulportal.de/unterricht/schwimmunterricht-die-kinder-waren-in-diesem-schuljahr-kaum-im-wasser/

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